Marzpeyma
Nahid Bagheri-Goldschmied über Siavash Kasrai
17 February 2012

Send this article to your network:     balatarin بالاترین     donbaleh دنباله     Yahoo yahoo     Delicious delicious     Facebook facebook     Twitter twitter     Google google    

Nahid Bagheri-Goldschmied über Siavash Kasrai (erschienen in der Zeitschrift Zwischenwelt 27. Jg.  Nr.4  Februar 2011)    
 
 
I. Siavash Kasrai wurde im Winter 1926 im Iran, in der Stadt Isfahan, geboren. Er starb 1996 in Wien. Kurz gesagt, begann das irdische Leben des Dichters mit der Geburt der Schneeglöckchen auf der Heimaterde, und es endete an seinem siebzigsten Geburtstag, wieder in der Zeit der Schneeglöckchen, auf der Erde eines anderen Kontinents. Siavash Kasrai war Schüler von Nima Yushij (1896 - 1960), der unter dem Einfluss der neuen französischen Literatur die im Iran verbindlichen höfischen Dichtungsformen sprengte und sich den städtischen Massen zuwandte. Bis dahin hatte als Dichtung gegolten, was sich durch klassisches Versmaß und Reim auszeichnete. Deshalb hat man Yushij im Iran "Vater der neuen Dichtung" genannt.  
Siavash Kasrai studierte Rechtswissenschaft an der Universität Teheran und arbeitete einige Jahre im Wohnbauministerium, danach lehrte er an der Universität von Zahedan, einer Stadt an der Grenze zu Afghanistan. Sein erster Gedichtband erschien 1957. Zu Ruhm gelangte er 1959 mit dem Versepos "Arash Kamangir" ("Arash der Bogenschütze"). Die Figur des Arash entstammt der altpersischen Mythologie. Mit einfachen, präzisen Formulierungen gelangte Kasrai hier an die Schwelle der Vollkommenheit. In Kasrais Epos opfert sich Arash im Kampf um die Befreiung seines Landes von Fremdherrschaft. Siavash Kasrai glaubte, dass die poetische Neuerschaffung der Realität Aufgabe des Dichters sei. Mit dem sicheren Griff des erfahrenen Gestalters vermochte er aus einigen Passagen des Schahnameh (Buch der Könige, Meisterwerk des Ferdusi) Neues zu schaffen.  
 
Kasrais Lyrik handelt vielfach von der Liebe zum eigenen Land, die instinktive Formen überschreitet und in Faszination und Selbstlosigkeit endet. In einem anderen Teil dieser Lyrik geht Kasrai weit über Grenzen des Iran hinaus, zeigt er sich fasziniert von den Menschen aller Völker. Er respektierte die junge Generation und machte sich Gedanken über ihre Zukunft. Er fragte oft nach kulturellen und literarischen Neuigkeiten. Er liebte die iranische Kultur treu und leidenschaftlich, und er stellte sich die Aufgabe, sie zu bewahren. Er sah dies als nationale, menschliche und gesellschaftliche Aufgabe. Als der iranische Kulturverein 1995 in Wien eine Lesung mit Mohammad Ghazi, einem namhaften iranischen Übersetzer, plante, fragte man nach Kasrais Meinung dazu. Er sagte: "Laden Sie ihn ein, beeilen Sie sich! Dann werden wir ihn schon kennenlernen. Aber verlangen wir nichts von ihm. Lassen wir ihn einfach reden und hören wir genau zu, was er sagt. Wir sollten uns für seine Mühe bedanken, wir sollten ihn ehren. Wir dürfen nicht vergessen, dass Ghazi uns ein Fenster zur westlichen Literatur geöffnet hat. Durch ihn ist es uns möglich geworden, den weiträumigen grünen Garten der europäischen Kultur zu betreten." Siavash Kasrai war im besten Sinne des Wortes neugierig. Wenn man ihm begegnete, fragte er immer: "Was hast du zuletzt gelesen? Was hast du Neues geschrieben?" Immer sagte er, Zeit sei kostbar. Man solle sie sorgsam nützen. Immer noch habe ich den Klang seiner Stimme in meinen Ohren, wie er zu seinen Freunden und Anhängern sagte: "Kommen Sie! Überprüfen wir wieder alles, damit wir keine Fehler machen." Kasrai war gegen das Festhalten an politischen Doktrinen und trat dafür ein, die Situation der Menschen und der Gesellschaft immer neu zu durchdenken.  
 
Schon unter der Schah-Regierung wurde der politisch engagierte Dichter und linke Aktivist Kasrai wiederholt verhaftet und unter Druck gesetzt. Als aber unter dem Regime Chomeinis 1980 die große Welle der Verhaftungen von Künstlern und Intellektuellen begann, musste Kasrai fluchtartig das Land verlassen. Er fand in Afghanistan und dann in Moskau Zuflucht. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Wien. Er starb 1996. Am Wiener Zentralfriedhof ist er begraben.  
 
Große Dichter sind zugleich auch wortmächtige Historiker ihrer Zeit. Sie beginnen ihre Arbeit, wo die Historiker die ihre beenden. Siavash Kasrai war solche in Dichter, nicht nur des Geschehenen mit all seinen Wendungen, großen und kleinen Niederlagen, sondern auch der Geschichte, die nicht abgeschlossen ist, die weitergeht.    
 
II.   Ich war schon seit einem Jahr Mitglied der Bibliothek des Jugendzentrums Nr.21 im östlichen Viertel Teherans, wo ich als erstes weibliches Mitglied registriert war. Ich war dreizehn und ging jeden Tag nach Schulende hin und blieb immer einige Stunden. Damals bemühte sich Farah Diba, die Gemahlin Mohammad Reza Pahlewis, um die Errichtung von Jugendzentren in jedem Bezirk. In jedem dieser Zentren gab es eine große Bibliothek mit einigen Bibliothekarinnen, die die Jugendlichen betreuten. Auch waren Werkräume für Malerei, Animation, Dreharbeiten, Musik vorgesehen. Hier hatte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, Siavash Kasrai zu begegnen. Alle Monate lud man Künstler ein, veranstaltete Lesungen, und anschließend stellten die Bibliothekarinnen den Gästen besonders talentierte Jugendliche vor. Ich hatte zwei Jahre zuvor begonnen, Gedichte zu schreiben. Je mehr Bücher ich las und die Werke namhafter Lyriker und Schriftsteller kennenlernte, desto verzagter wurde ich. Sollte ich mein Schreiben wirklich ernst nehmen? Würde es mir überhaupt möglich sein, gleich diesen Schreibgewaltigen eines Tages dauerhafte Werke zu verfassen und zu veröffentlichen? Eines Tages las Kasrai in der Bibliothek. Nach der Lesung stellte mich die Bibliothekarin dem Dichter vor. Etwas unruhig und unsicher trug ich ihm einige meiner Gedichte vor und wartete mit einem unbeschreiblichen Gefühl auf seine Reaktion. Er hatte aufmerksam zugehört und lud mich ein, ihn in der darauffolgenden Woche in seinem Büro zu besuchen. Ich sollte meine gesamten Gedichte mitnehmen. In der Bibliothek hatte ich bereits einige Lyriker und Lyrikerinnen kennengelernt, aber keiner von ihnen war so wie Kasrai auf mich eingegangen. Eine Woche später besuchte ich Kasrai in seinem Büro. Ich brachte ein dickes Heft mit, in das ich meine Gedichte in Schönschrift eingetragen hatte. Außer mir waren noch drei Jugendliche anwesend, die ihn mit Professor ansprachen. Diese Burschen waren Mitglieder der Bibliothek des Armenviertels im südlichen Teheran. Vielleicht waren sie talentiert, später aber kam einer nach dem anderen nicht mehr zu den Zusammenkünften bei Kasrai. Keiner von ihnen wurde Schriftsteller. Ich wurde wiederbestellt; mein geliebtes Gedichtheft musste ich zurücklassen. Als ich es wieder erhielt, verließ ich Tag das Büro des Professors voll ängstlicher Erwartung. Das Heft in meiner Hand zitterte. Zuhause zog ich mich in mein Zimmer zurück und schlug es auf. Viele Zeilen waren durchgestrichen, verschmiert, mit Anmerkungen Kasrais überschrieben. Ich begann zu weinen, sagte mir: Nein, nein, aus mir wird nie eine richtige Dichterin werden. Dann fiel mir ein: Für nächste Woche habe ich doch noch einen Termin mit ihm vereinbart. Ich habe ihm versprochen, die in meinem Heft von ihm angezeichneten Strophen (mit der Anmerkung "das ist poetisch und schön") auszuarbeiten und mitzubringen. Siavash Kasrai wies mich an, mich auf dem Gebiet der Literatur regelmäßig zu informieren und zu lesen. Er war der Meinung, dass ich als junge Schreibende, trotz meiner Versuche, modern zu denken und zu schreiben, einen umfassenden Einblick in die klassische iranische Dichtung bekommen solle. So bemühte ich mich, in den verschiedenen Formen, dem Vierzeiler, der Ghasele und anderen, Gedichte zu schreiben. Als ich sechzehn war, veröffentlichte Kasrai erstmals Gedichte von mir in Literaturzeitschriften. Damals war ich ein wenig von der bekannten iranischen Dichterin ForoughFarokhzad beeinflusst. Das hat dem Professor gar nicht gefallen. Nachdrücklich verlangte er einen eigenen Stil von mir. Als ich achtzehn war, zeigte ich ihm bei einem Treffen das Gedicht "Mohnrote Zeichen", das ich kurz zuvor geschrieben hatte. Auf seinen Lippen erschien ein Lächeln der Zufriedenheit, und er sagte: "Endlich hast du deinen Stil gefunden. Mein junger Baum trägt Früchte."    
 





www.nevisandegan.net