Marzpeyma
Inzest und Vergewaltigung in der islamischen Republik Iran
20 April 2013

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Inzest und Vergewaltigung in der islamischen Republik Iran
Mohsen Maljoo (Iran)
Aus dem Farsi von Nahid Bagheri-Goldschmied
Erschienen in "TIME TO SAY: NO!", ein Projekt des Österreichischen P.E.N.-ClubsISBN 978-3-85409-665-8 www.penclub.at www.penclub.at
 
 
Jede Familie hat wie eine Münze zwei Seiten. Die positive Seite ist die, dass sie als ein Schutzort gegen jene Welt gilt, in der jeder zum Täter werden kann. Sie ist der Wohnort, an dem Liebe, Sicherheit und Entspannung gegeben wird. Die Familienmitglieder unterstützen einander bei den Schwierigkeiten des Alltagslebens und  lieben einander bedingungslos.
Unverträglichkeit und Spannung in der Familie kennzeichnen die negative Seite dieser Münze. Dadurch wird das Zuhause zum Zentrum, in dem die Frauen belästigt, verängstigt und erpresst werden. Man geht von der Voraussetzung aus, dass im Iran, wegen der alten religiösen Bräuche und des Glaubens, der Schaden durch Vergewaltigung und Inzest nur einen geringen Prozentsatz beträgt. In Wahrheit ist  das Gegenteil der Fall. Allerdings wird im Iran über solche Verhältnisse hinter vorgehaltener Hand sehr oft geredet. In solchen Fällen sind die Frauen meistens verschwiegen, aus mannigfaltigen Gründen bewahren sie das Geschehene als Geheimnis in ihrem Gedächtnis und sprechen nicht darüber.
Genau betrachtet, gibt es in allen Ländern sexuelle Übergriffe in der Familie und Inzest, unabhängig davon, ob diese Länder fortgeschritten sind oder als Entwicklungsländer bezeichnet werden. Der Unterschied zwischen den fortgeschrittenen Ländern und dem Iran bezüglich dieses Phänomens ist, dass im Iran über diesen gesellschaftlichen Schaden der Mantel des Schweigens gebreitet wird. Was dieses Thema betrifft, gibt es keine öffentliche Forschung, es wird einfach ignoriert. Auch wegen gesetzlicher Unzulänglichkeiten werden viele der Angeklagten freigesprochen. Für das Opfer erfolgt keine Behandlung von Seiten der zuständigen Behörden. Das Opfer wird ohne physische und psychische Behandlung  wieder in das Hause zurückgeschickt, in dem es vergewaltigt wurde.
In entwickelteten Ländern werden die Schäden dieses Phänomens in den Familien jedoch ernst genommen und bekämpft. Die Inzestopfer werden besonders geschützt und behandelt, sie profitieren von den gesetzlichen Maßnahmen. Die zuständigen Organisationen kümmern sich um ihre Pflege und Behandlung.
Welchen Hintergrund gibt es im Iran für Vergewaltigungen und Inzest?
Um diese Frage zu beantworten, muss man drei Zustände überprüfen: den persönlich-geistigen, den familiären und den wirtschaftlichen Zustand.
Die Väter, die ihre Töchter vergewaltigen, haben persönliche und psychische Eigenschaften wie ein unterentwickeltes Verständnis gegenüber dem Unglück, Probleme bei der Beherrschung ihres Zorns, mangelnde Fähigkeiten, Empathie mit Familienmitgliedern zu entwickeln, verbale und körperliche Aggression, Konsum von Rauschgift und Alkohol, Angstgefühle beim Geschlechtsverkehr mit Erwachsenen, Pädophilie und die Erfahrung selbst Opfer von Vergewaltigung in der eigenen Kindheit geworden zu sein. Solche Väter sind besonders gefährdet, sich an anderen Familienmitgliedern zu vergreifen.
In den Fällen, bei denen Brüder ihre eigene Schwester vergewaltigen, muss von der Voraussetzung ausgegangen werden, dass abgesehen vom Konsum von Rauschgift und Alkohol, die fehlenden Möglichkeiten zum Geschlechtsverkehr für ihre Tat eine entscheidende Rolle spielen. Trotzdem lässt sich behaupten, wenn man von den fehlenden Gelegenheit zum Ausleben des Geschlechtstriebs bei diesen Männern absieht, haben die psychischen Dispositionen für den Vorgang der Vergewaltigung und des Inzests, im Vergleich zum gesellschaftlichen Hintergrund, einen geringen Anteil.
Über den familiären Hintergrund im Fall der Vergewaltigung des Vaters gegenüber der Tochter, gibt es ähnliche Ergebnisse. Je mehr wir uns von den Strukturen der demokratischen und liebenden Familie entfernen, desto mehr nähern wir uns einer willkürlichen und  unorganisierten Diktatur-Familie an, in der verstärkt die Möglichkeiten zur Vergewaltigungen gegeben sind.
Vergewaltigung der Tochter durch den eigenen Vaters kann in einer Familie stattfinden, die gesellschaftlich isoliert ist. Sie besitzt traditionelle Strukturen, der Mann ist der einzige, der Geld verdient und die Familie ernährt, die Frau ist Hausfrau, die Beziehung der Familienmitglieder und ihre emotionalen Verhältnisse zueinander werden gering geschätzt, es gibt Streitigkeiten und häusliche Gewalt zwischen den Eltern. Für die Erziehung der Kinder gibt es kein Regelwerk und kein Gleichgewicht, sie ist entweder besonders streng oder oberflächlich. In solchen Familien hat der Patriarch das erste Wort, und die Entscheidungen werden einseitig von ihm getroffen, er betrachtet sich als Eigentümer seiner Kinder. Das ist ein wichtiges Faktum.
Solche Familien können im Bezug auf Bildung, Strafgeschichte, Anzahl der Kinder, bezüglich ihres Zusammenlebens mit Partner oder Partnerin, Scheidung, und Religionszugehörigkeit sehr verschieden sein.
Wie vorher erwähnt, ist die Vergewaltigung eines Bruders gegenüber der Schwester etwas anders zu sehen; die Situation ist anders, und es geschieht auch nicht unbedingt in einer unorganisierten und vernachlässigten Familie, sondern hängt mehr mit dem Thema sexueller Deprivation zusammen.
Über die wirtschaftlichen Hintergründe der Vergewaltigung und des Inzests im Iran kann man sagen, dass solche Ereignisse auf allen wirtschaftlichen Levels stattfinden können. Aber die Ergebnisse unserer Forschung belegen, dass Vergewaltigung und Inzest in den Unterschichten der Gesellschaft mehr verbreitet sind.
 
 
 
 
Mohsen Maljoo, Univ.-Dozent der Soziologie, geb. 1981 in Teheran/Iran, studierte an der Universität AlamehTabatabai in Teheran. Mohsen Maljoo ist der erste Soziologe im Iran, der sich gezielt mit Frauenfragen auseinandersetzt. Er brach erstmals unter einer fundamentalistischen islamischen Regierung das Tabu und erforschte mit Erfolg Vergewaltigungen von Vätern und Brüdern an Töchtern und Schwestern und konnte die dadurch entstanden psychischen und sozialen Schäden darstellen. 
 
 
 
 





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