Marzpeyma
Frau Sonne
24 April 2013

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Frau Sonne
Nahid Bagheri-Goldschmied
 
Dem iranischen Exillyriker, Sänger und Schauspieler FereydounFarrokhzad gewidmet.
Erschienen in der Zeitschrift „Zwischenwelt“ 30. Jg. Nr.1  April 2013
 
 
In der Nacht hatte sich der Himmel bis in die frühen Morgenstunden ausgeweint. Die Stadt Teheran und ihre Straßen waren wie reingewaschen, voll frischem Duft. Freundlicher Sonnenschein in Begleitung einer leichten Brise küsste Stirn und Wangen des fünften Tags im Mai. Es war einer jener Begegnungs-Donnerstage, an denen wir den „Professor“ besuchten. Meine Freunde und ich hatten dem Lyrikers Siavash Kasrai diesen Titel verliehen. Er ist nach langjährigem Exil 1996 in Wien verstorben und hat auf dem Wiener Zentralfriedhof seine letzte Ruhe gefunden.
  Es war die eindringlichste Zeit meiner Jugend. Sechs Monate zuvor war ich sechzehn geworden. An diesem Tag hatte ich auf Zureden meiner Mutter ein schönes grünes Samtkleid angezogen, das mir von unserer Familienschneiderin vor kurzem genäht worden war. Obwohl ich Grün liebte und meine Freunde mich spaßhalber immer„ Jungfrau in Grün“ nannten, hatte ich ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen, ein neues Kleid zu tragen, weil einige von ihnen aus dem ärmeren Viertel in Südteheran kamen. Sie waren so jung wie ich, mussten aber nicht nur für ihr Taschengeld arbeiten, sondern auch ihre Familie finanziell unterstützen. Glücklicherweise hatten die kulturellen Bemühungen der Koordinatoren der Bezirks - Jugendbibliotheken der „Gesellschaft für die geistige Erziehung der Kinder und Jugendlichen“ mich und Nasser, Mehdi, Abbas und Behzad und andere zusammengeführt. Mit unendlichem Wissensdurst bereisten wir die Welt der Bücher. Wir schrieben Wandzeitungen. Wir spielten Theater… In jenen Tagen dachten wir, die Zeit schwinde zu schnell dahin, und wir müssten, sie nicht zu vergeuden, möglichst viel Wegzehrung sammeln. Mit den Erfahrungen unserer Jugend suchten wir nach neuen Welten. Der Sport und die Wanderungen, die wir jedes Wochenende unternahmen, waren verbunden mit Diskussionen über Bücher, die wir im Laufe der Woche gelesen hatten. Oftmals waren, noch bevor mir die Meinung des Professors kund wurde, meine Freunde die ersten Zuhörer meiner neuen Werke.
  Das Taxi blieb bei der Kreuzung stehen. Ich schaute auf meine Uhr, hatte noch zwanzig Minuten Zeit. In einer Parallelgasse zur Wohnstraße des „Professors“ spazierte ich etwas unruhig auf und ab. Die Mappe drückte ich mit der Rechten an meine Brust und überlegte, ob dem Professor meine neuen Gedichte heute gefallen würden, oder ob er nur einige Zeilen unterstrichen habe mit der Bemerkung, diese Zeilen seien poetisch und stark. Dann musste ich sie üblicherweise bearbeiten und in der folgenden Woche wiederbringen.
Niemand ging vorbei. Die Stille der Gasse wurde nur durch das herumwirbeln einiger zierlicher schwarz-weißer Katzen gestört, die miteinander spielten. Neben ihnen, im Schatten eines Baumes, ruhte sich ihre zufriedene und stolze Mutter auf dem Trottoir aus. Ihre Brust war voll Milch. In der Mitte der Gasse blieb ich kurz stehen. Meine Unruhe war vergessen, ich beobachtete lächelnd das Spiel der  kleinen Katzen.
„Frau Sonne! Frau Sonne! Das gehört dir! Es hat die gleiche Farbe wie dein Kleid. Nimm es!“ Der Klang einer bekannten und liebenswürdigen Stimme drang plötzlich an mein Ohr. Momentan hielt ich es für eine Einbildung.  Aber nein, ich hörte die Stimme wiederholt und deutlich: „Frau Sonne, nimm es! Schau her! Schau her!“ Die Stimme war ohne Zweifel real.  Ich schaute in die Richtung. Schließlich fiel mein Blick auf das geöffnete Fenster eines Hauses gegenüber. Überraschend gewahrte ich das freundliche Lächeln eines Mannes, der am Fenster stand. Er hielt ein weißes Taschentuch in der Hand und wollte es mir zuwerfen. Das Tuch war aber nicht leer. Wie gut und wie schnell ich dieses Gesicht erkannte! Es war FereydounFarrokhzad, der namhafte Künstler aus der „Silbernen Nelke“, einem damals in im Iran viel gesehenem Fernsehprogramm. Erstaunt fragte ich mich, warum er mich mit „Frau Sonne“ angesprochen hatte. Kannte er mich? Sonst nannten mich nur meine Großmutter und der Professor „Frau Sonne“. Ich hörte wieder seine warme Stimme: „Lass es nicht zu Boden fallen! Ich werfe es jetzt. Fang!“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Schüchternheit färbte meine Wangen rosarot. Zaghaft hob ich beide Hände zu ihm empor. Die Entfernung zum Fenster, aus dem er sich beugte, schätzte ich auf etwa drei Meter. Das Taschentuch samt seinem Inhalt flog durch die Luft und landete genau in meinen Händen. Ich wollte den Mund öffnen und etwas sagen, aber der liebenswürdige Mann verschwand lächelnd aus dem Fenster: „Frau Sonne! Scheine immer!“ Ich begriff nicht gleich, was er mit diesem Satz sagen wollte. Ich schaute auf meine Uhr, um rechtzeitig ins Haus des Professors zu kommen. Ich hatte noch drei Minuten. Ich eilte an der Katzenfamilie vorbei, die  nun ruhig im Schatten des Baumes lag. Nicht einmal der Lärm meiner Schritte ließ sie aufschrecken.
 
Alles war so rasch geschehen, wie im Traum. Doch es war kein Traum. Es war real. Ich hielt das Tuch samt seinem Inhalt in meiner Hand. Mit den Fingerspitzen lüftete ich vorsichtig das Tuch. Ein großer grüner Apfel wurde sichtbar. Unwillkürlich führte ich ihn an meine Nase und roch den Duft aller reifen Äpfel der Welt. Der stimmte mich heiter.
 
Der Professor öffnete mir freundlich die Tür. Die Freunde waren vor mir da. An jenem Tag hat jeder von uns ein Stück von diesem Apfel bekommen. Das weiße Taschentuch aber, das noch nach der Frucht und den Händen von Fereydoun duftete, barg ich in der Tasche meines grünen Kleides und legte es am Abend zuhause in eine kleine Schachtel. Hie und da öffne ich sie noch heute und denke an das offene und liebenswerte Gesicht des Künstlers.
 
Es vergingen einige Jahre. Der Verlauf der katastrophalen Revolution des Jahres 1979 im Iran hatte für uns Freunde Trennungen mit sich gebracht. Einer nach dem anderen war aus meinem Gesichtskreis entschwunden. Die Saat unserer Jugend ging in unfruchtbaren Salzwüsten auf. Kurz bevor ich in die Fremde gezwungen wurde, bat ich die Freunde bei unserem letzten Treffen, auf das weiße Tuch etwas als Andenken zu schreiben. Seit 32 Jahren bewahre ich die kleine Schachtel wie ein Kleinod auf. Sie hat für mich den anziehenden Duft aller Gärten der Welt.
1991 drehte der iranisch - österreichischen Regisseur Dr. Houshang Allahyari den Film „I Love Vienna“ mit FereydounFarrokhzad in der Hauptrolle. Bei der Premiere waren die Schauspieler anwesend. FereydounFarrokhzad strahlte im Umkreis seiner Freunde. Ich stand in einer Ecke und blickte voll Anteilnahme zu ihm hin. Plötzlich sah er mich an und kam lächelnd auf mich zu. „ Hallo Mädchen! Wie sehr mich deine Augen an meine Schwester Forough erinnern! „ – „Hallo! Meinst du mich oder nur meine Augen?“ Er wurde nachdenklich, betrachtete mich und sagte: „Ja, dich habe ich gemeint! Dich, Frau Sonne! Es war mir, als ob  meine Schwester Forough wieder vor mir stünde. „Was für ein Gedächtnis er hatte! Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Flüsternd antwortete ich: „Ich bin die Sonne an der Schwelle der Abenddämmerung.“ Und darauf er: „ Spaße nicht, Mädchen! Die Abenddämmerung ist noch weit weg von dir!“
Im September 1992, als die Nachricht von dem auf ihn verübten Attentat verbreitete und seine Freunde und Fans in Trauer versetzte, beeilte ich mich, ihn am Friedhof in Bonn zu besuchen. Die kleine Schachtel hatte ich bei mir. Ich begrüßte Fereydoun und öffnete die Schachtel. Meine Tränen regneten auf das weiße Tuch. Da stand der edle FereydounFarrokhzad neben mir und flüsterte: „Möge die Zeit der Tyrannei enden und die Sonne aufgehen, und möge der Blitz der Wahrheit das Volk erhellen. Die Liebe ist das Morgenrot, nach dem wir streben. Aus Liebe wurde ich zur Welt gebracht. In Liebe habe ich gelebt und in Liebe gehe ich hinüber, auf daß das, was von mir übrig bleibt, Liebe sei.“
 
 
Von Nahid Bagheri-Goldschmied ist im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2009 der Roman „Chawar“ erschienen. In ZW Nr. 3/2012 erschienen drei von ihr übersetzte Gedichte PouranFarrokhzads, der älteren Schwester Fereydouns. ForoughFarrokhzad, die andere Schwester, eine bedeutende Lyrikerin und bekannte Filmemacherin, starb 32 jährig bei einem Autounfall.





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