Steinigung

Pouran Farrokhzad

Traurig dreht sich

der Mond über mir

Sterne stürzen

in großen Brocken herab

ich steige

hinunter in das Loch

in dem gestern

eine Frau, die liebte, gesteinigt haben

 

Rinnsale Blutes

haben sich mit Erde vermischt

Ein scheuendes Pferd

wiehert in meinem Kopf

Schwarz wird mir vor Augen

 

Blut und Erde – ihr Geruch

ist von einem letzten Atemzug

durchdrungen

 

Wut und  Gewalt

ein wilder, hungriger Sturm

heulen in meinen Ohren

Die Hand vor die Augen gepresst

sage ich Hüa

zu dem dummen Pferd der Flucht

 

Und immer noch

rinnt Blut

Tropfen für Tropfen

aus den großen Augen des Mondes

auf das Grab einer liebenden Frau

 

die erst gestern gesteinigt wurde

 

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

Schwere Geburt

Pouran Farrokhazd

In der Gebärmutter  dreht sich ein Erdball
die Wehen haben begonnen
verkrampfte Finger
zusammengedrückt
wartende Frauen
fangen an zu schreien
mit einer Stimme
mit einem Atem
im Chor

Und die traurig kauernde Männer 
heben Hände zum Himmel
Das Gefäß der Wünsche
quillt über
Die Ungeborenen, in Träume versunken
krümmen sich der Befreiung zu

Das Feuer des Unrechts
lodert empor
Die Fontänen der Schreie
steigen zum höchsten Punkt
Ein rasender Durst erfasst die Männer und Frauen
Sie stimmen
die Sehnsuchts- Hymne der Freiheit an

Ungeborene, gefangen
in ihren engen Zellen 
geraten in Panik
pressen sich frei
aus dem Gefängnis der Zeit

Und die Erde des Landes
brennt noch immer
in Flammen des Unrechts
Der Himmel wütend
schüttet
Tropfen für Tropfen
Schmerz herab

Ohnmacht erfasst den Erdball
Wartende Frauen
flüstern die Litaneien der Rettung
Männer starren auf den Horizont
Harrend der großen Geburt

Die Geburt aber
hat sich wieder verspätet
Ich weiß schon
Seit längerer Zeit wissen wir das
Aber glauben Sie mir:
Die Geburt naht

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

Ein Bus, der zur Hölle führt

Pouran Farrokhzad

 

Gefangen bin ich,
allezeit
ein zum Schweig verurteilter Stern
verborgen hinter den Wolken der Unterdrückung.

Willkommene Beute
für den Appetit der Männer-Geschichte

Tollwütiger Wölfe
Hungrig rasende Raubtiere
ständig
zum Angriff bereit
auf jedes unschuldige Lamm in den Ländern der Welt

So war es bis jetzt
und so wird es sein

Zum ersten Mal wurde ich im Paradies bestraft
als der große Gott schlief
und der Mann war sein Erstgeschöpf
ungenau erschaffen in der  Ekstase
Ich war wach und aufmerksam

In der schwarzen Nacht der Unwissenheit
Erblickte ich den Baum der Erkenntnis
und pflückte den Apfel der Versuchung

Als ich dem Mann die Unsicherheit schenkte
auf dass er sehe und wach werde
wehte ein roter Wind
Herzklopfen bekamen
die Engel im Gleichtakt mit dem Himmel
und der große Gott -
der Empörung nicht liebt -
bestrafte mich für mein Erwachen
und schickte mich auf die Erde ins Exil

Der Mann folgte mir
er kam herab
und wandte sich gegen mich
wegen des Verbrechens der Ungehorsams
machte sich selber
auf der weiten Erde
zum Gott
als ihr absoluter Herrscher
damals wie heute

Gefangen bin ich
allezeit
meine Füße in Ketten
des Mannes Eigentum
und zugleich seine Hälfte

Mein Blut
Meine Zeugenschaft
wird nicht verhandelt
auf dem Divan
Der patriarchalen Gesellschaft des Orients

Die schönste und erregendste Beute bin ich
für die Vergewaltiger
die mich
an Körper und Seele angreifen

Man steinigt mich
hat manchmal
Beischlaf mit mir
in einer schwankenden Sänfte
oder
in einem Ausflugsbus
den sein geiler Lenker
ihn in die Hölle fährt
um meinen verletzten Leib
im Feuer zu verbrennen

Sie verbrannten mich
zu Asche
in einer Ecke des Landes Indien
dem Land der rauen Männer
der Siedlung demokratischer Wölfe

Erst gestern geschah es
dass man die Asche des schönsten Opfers -
das nicht das letzte war -
in die Wasser Nahids* versenkte -
der heiligen Mutter aller Frauen der Welt –
und auch seine Geburtsurkunde streuten sie in den Wind

Immer noch
bleibt sie im Gedächtnis der ewigen Mutter
lebendig, unsterblich
und ihr Schrei steigt auf
durch  jeder Körperzelle der Frauen dieser Welt
Wir hören ihn

Wir wissen
die Zeit der Freiheit wird kommen,
Die gewalttätigen Wölfe
werden in die Wälder flüchten
und die Frauen, ihre Beute
werden die Fahne der Freiheit hissen
überall auf der Welt

Iran, Jänner 2013

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

*Nahid: Name einer altpersichen Göttin der Liebe, Fruchtbarkeit und des Wassers

 

Ich vermisse das Fenster

Pouran Farrokhzad

Ich vermisse das Fenster
eine Spannweite Himmel mit Mondschein
ein paar Sterne
einen Schluck Helligkeit
Ich vermisse das sanfte Wehen der zarte duftenden Brise

In diesem stillen abgeschlossenen Zimmer
sehne ich mich nach einem Fenster
nach der frischen Luft des Gartens mit den Aghaghy Blumen
nach dem gleichförmigen Stimmen des Springbrunnens
nach dem grünen Hauch der Weißpappeln
und dem Duft von Jasmin...

Heute Nacht quält mich die Sehnsucht nach einem Fenster

Wenn alle Mauern fielen
und  der Abstand fiele mit einem Mal
zwischen mir und der Nacht
könnte ich durch alle Fenster den Mond anschauen
und vom Himmelsdach
in Trauben die schönen Sterne pflücken
Ach schade, dass das alles nur Traum ist
Ja, immer nur ein Traum

Diesem müden "Ich"
genügt schon das Denken an ein Fenster
oder kindisch davon zu reden
oder zu schreiben
Ach, wie vermisse ich das Fenster

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

Pouran Farrokhzad

(1932-2015), geb. in Teheran, heiratete schon mit 17 Cyrous Bahman, Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Asiaye Javan" (Junge Asien), mit dem sie zwei Töchter hatte. Nach der Trennung von ihrem Mann arbeitete Pouran bei iranischen Radiosendern und beim Fernsehen. Sie schrieb Gedichte, Erzählungen, Hörspiele und literarische Übersetzungen. Neben ihrer Arbeit absolvierte sie ein Studium der englischen Sprache und Literaturwissenschaft. Ihr erster Lyrikband, "Ein Treffen im Herbst", erschien 1971; "Glück heißt, in einem roten Apfel zu beißen", ihr zweites Buch, kam 1973 in Teheran in großer Auflage heraus. Ihre Gedichte sind u.a. ins Armenische, Kurdische, Englische, Französische, Italienische übersetzt. Sie lebt in Teheran.