Erster Mai in Teheran

HOCH DER ERSTE MAI

Erster Mai in Teheran
Nahid Bagheri-Goldschmied

Furcht spannt sich
wie ein schattiger Schirm über die Stadt
Plötzlich am Tag. Plötzlich in der Nacht
spüren die Herzen ihr Stocken
Hoffnung flieht
siechend aus einem Haus in das nächste
von einem Arbeitsplatz zum anderen
in der Fabrik
Der Erste Mai:
Ein Heimatloser ohne Asylrecht
Vorgeschoben nur ist sein lindes Lächeln
zwischen Galgenholz und Nacht

Es muss sein

Es muss sein
Ein Gedicht von Nahid Bagheri-Goldschmied
Aus der Anthologie „Die Liebe kennt alle Sprachen der Welt“
Dem 8. März, dem Internationalen Frauentag gewidmet

Die Schnürsenkel meiner Schuhe
muss ich fester binden

So mache ich mich auf dem Weg
begleitet von Frauenblicken
ängstlich versteckt
hinter den geschlossenen Fenstern
Meine Schritte setzen sich weiter fort
im dunklen Schatten der Mauern
auf hartem und steinigem Weg
Das Ziel ist noch weit entfernt
Vielleicht
muss man Jahreszeiten durchqueren
oder Jahre

In einem verblassenden Mittag
hole ich tief atmend Luft
recke ich meine Brust
als ein Schild gegen all die Rückschläge
Mein Gesicht, noch von den Striemen rot
nächtlicher Peitschenhiebe
bedecke ich mit den Händen
schütze es vor den Windstoßen aus dem Osten
und sage zu mir selber:

Es gibt keine Angst!
Man muss den Weg weiter gehen!
Die Schnürsenkel meiner Schuhe
habe ich schon fest gebunden

Am Beethovengang

Nahid Bagheri-Goldschmied

Weingärten rechts und links
zahlreich und vor der Reife die Weinstöcke
Dazwischen der Duft der Erinnerung

Wie mein Schatten hinter mir: Beethoven
Er rennt dahin٫ ohne den emsigen Takt
meiner Schritte zu hören

Der Wind küsst dem Meister die Hände
fordert ihn auf٫ ein paar unruhige Töne
auf den Saiten meiner Haare zu spielen:
Meine Schicksalsmelodie

Glatt wie eine Wasserfläche die Stadt vor mir
Glatt die graue Wolkendecke über meinem Kopf
Unter meinen Füßen der weiche Weg
die freundlich gastliche Erde

Zum Luftholen stehen bleiben

Der Schatten verharrt mit mir
Den Kopf neigen٫ Der Schatten ebenso

Wir küssten den Boden, betasteten sanft die Erde
fassten eine Handvoll٫ rochen daran:
Sie duftet nach einem Regen
Ich fragte mich:
Riecht die Erde nicht wie in einem Gefängnishof?
Spielt der Wind schon die „Leonoren- Ouvertüre“?

Der Schatten hört mich doch nicht
aber auch er hatte die Erde geküsst٫ wie
zu meiner Bestätigung
Zärtlich zupfte der Wind an meinem Haar
es schien٫ als würde Beethoven
die Melodie meines Schicksals schon wieder
ganz anders komponieren

Wien 1997

 

 

Bedürfnis

Nahid Bagheri-Goldschmied

Bei Sonnenaufgang
in jeder Morgendämmerung
wenn Erde und Sonne sich dem Beischlaf hingeben
wachse ich aus der erwärmten Eizelle der Erde

Bis hin zur Höhe der Herrlichkeit des Morgens

werde ich der lebhafteste Lobpreis der Liebe

von Kopf bis Fuß: Gesang!

 

Im blauen Himmel des Lebens

breitet mein Blick die Flügel aus

und mein orientalisches Herz, leidenschaftlich

zigeunerhaft, anders beginnt es zu pochen

 

Versperrte Brücken überspannen

einschüchternd wachende Stacheldrähte überfliegen

die fünf Kontinente furchtlos durcheilen

- da ist der fiebernde Puls der Menschheit

 

In der klaren Weite meiner Gedanken:

Meine vielfarbigen hungrigen Kinder

kränkelnd, die Zukunft erbrechend

blasse Träume gähnend

wartend auf Brot

 

Die Menschheit schreit

und mein orientalisches Herz schlägt

für die wesentlichen Bedürfnisse:

Brot

Frieden

Freiheit

 

Wien, 1986

Eisblumen

Nahid Bagheri-GoldschmiedDer Himmel wechselt die Farbe

schwarze Krähenflügel
spannen sich über die Stadt
Düsternis senkt sich wie ein Tschador
sinkt auf mein schläfriges Heim.

Das Fenster plötzlich voll Tropfen
Bitter rinnt Fremdheit
zur Straße hinab

Ich erhebe mich müde
Ganz langsam ziehe ich
der Finsternis die Vorhänge
vors Gesicht. Mein Blick fällt
auf die Vase mit den Eisblumen
die so geduldig mit mir sind

Sie küssen Erinnerungen wach
an den vergehenden Winter
die schreckliche Jahreszeit
Sie durchbrachen den Schnee
Hatte ich nicht dem Freund

damals Eisblumen geschenkt
für seinen Erfolg
den Frühling herbeizusingen?

Der Herd voll Zeitasche
es glost noch ein bisschen
Ich opfere ihm ein Holzscheit
und Weihrauch
Die Flamme lodert hoch
der Wandspiegel wird Zeuge
wie alle Entferntheit
tanzend verbrennt
und meine Wangen sich röten

Ich habe ein Nachtmahl auf dem Tisch
von festlichen Farben:
das Feuer
die Erinnerung
der Weihrauch
die Eisblumen

Wien, Dezember 1980. – Für Siavash Kasrai, anlässlich seines Gburtstages

 

 

Nahid Bagheri-Goldschmied

Lyrikerin, Prosaistin, geb. in Teheran, arbeitete als Journalistin und studierte Persisch-Arabische Sprachen und Literaturwissenschaft in Teheran; seit 1980 in Wien, 1983 Heirat des österreichischen Physikers Gerhard Goldschmied.
Gründerin und Herausgeberin der deutsch-persischen Kulturzeitschrift „Sokhane Aschena“ („Vertraute Gespräche“). Gründerin und Vorsitzende des Iranischen Kunst- und-Kulturvereins im Exil „Marzpeyma“ („Grenzgänger“), Mitglied und Einzeldelegierte der IG Autorinnen und Autoren, des Österreichischen PEN-Clubs und des Österreichischen Schriftstellerverbandes.
Mehrere Preise, darunter 2017: „Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil“ für ihr Gesamtwerk.
Bücher: sieben Lyrik-Bände, sowie der Roman „Chawar“ (auf Persisch und in deutscher Übersetzung erschienen).
Übersetzerin und Herausgeberin von mehreren Anthologien persischer und österreichischer Gedichte.
Protagonistin im Dokumentarfilm „Grenzgängerinnen“ (Österreich 2008, Regie: Ülkü Akbaba).