Glaube

Siavash Kasrai

Mein Herz glaubt nicht an das Ende
Nein, ich glaube nicht daran
Solange der Atem mein Gefährte ist,
denke ich nicht an den Tod. 

Kann sich die Blume am Ende verwandeln?

Wie kann so vieles, das keimt

keinen Frühling erleben

verwelken vor dem Erblühen

zu Staub zerfallen?

 

So viel habe ich mir erwartet

So groß ist die Ferne in mir

In meinen Gedanken erheben

Bittend die Hände

Viele die Hände

Tag und Nacht

Was wird aus ihnen?

 

Wie kommt es, dass all die ungezählten

aus ihrer geliebten Heimat Vertriebenen

Eines Tages lautlos

in Sackgassen verlöschen?

Soll ich glauben, dass Mädchen, zum Glück bestimmt,

ohne Erfüllung auf den Dächern

ihrer Häuser und an den Fenstern

schwarz gekleidet auf ihre Geliebten warten?

 

Soll ich glauben, die Liebe wird ins Grab versenkt

ohne dass ihre unbotmäßige Blüte

aus ihm emporwächst?

Fluch und Schande über dieser Lüge

dieser furchterregenden Lüge! 

 

Mein Gedicht baut eine Brücke zum Ufer der Zukunft

auf dass heitere Menschen über sie gehen

lebt fort in küssenden Lippen, kosenden Hände

und fliegt hoch als Zeichen einer Versöhnung

das die Liebenden erkennen

 

Die stete Erkundung von Lippen und Händen

hat dazu beigetragen,

die Spur des Menschen

auf der Zeittafel zu verewigen.

 

Unsere schweigsame Wärme

wird zweifellos eines Tages

irgendwo aufgehen und Sonne werden

 

 Solang du mich liebst, solang ich dich liebe

solang die Tränen der Neigung auf unsere Wangen fließt

solang jemand da ist, der das Leben liebt

Wird der Tod meinen Namen nicht löschen

aus dem Gedächtnis der Zeit

 

Viele Blumen riss mir der Sturm aus der Hand

aber ich, der Bedrückte

halte die Blume der Erinnerung fest:

Den Tod eines Lieben werde ich nie anerkennen

 

Eines Tages stehe ich ohne Zweige und Äste.

Eines Tages schließen sich meine Augen.

Unvermeidlich ist dieses Entschlafen

Doch von dem, was ich wünschte, bleibt

Im Garten ein Duft

 

 

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

 

Auf den Straßen der Welt

Siavash Kasrai

Heute gingen
unsere redlichen Nachbarn fort
Leute, die sich fernhielten von Tageslärm

Notgedrungen verließen sie die Stadt ihrer

Kindheit, ihrer Jugend, ihre Arbeit

Die Stadt ihrer Wurzeln

Ließen all ihre Erinnerungen zurück

 

Sie gingen

mit einer Last von gebrochenen Herzen

mit einem oder zwei Sesseln

mit dem Schlafzeug, einem Teppich, dem Hausrat

manche mit verhaltenem Schluchzen

und unter den Tränen der Kinder

 

Den ganzen Tag über

wirbelten die Reifen der Wägen

Immer noch hallt die bittere Abschiedsmelodie

in meinem Inneren nach   

 

 

Heute Nacht sind die leeren Wohnungen

unserer Nachbarn

grabesdüster.

Die dunklen Fenster

wie traurige Augen

ersticken in uns die Freude

an früheren hellen Tagen

 

Zeitig verstößt die viel beschäftigte Stadt

ihre großgezogenen Kinder

ohne Schmerz, ohne Brandmal

 

Ein Leben lang aufbauen

dann alles zurücklassen und gehen

um einiger Lappalien willen?

Absurd!?

 

Was ist los mit der Welt,

dass auf all ihren Straßen

Vertreibung und Obdachlosigkeit herrschen?

 

Moskau, Sommer 1993

 

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

 

 

Der Vogel

Siavash Kasrai

Ein Vogel ohne Federn, ohne Flügel

bedeutet verstummten Gesang

Der Vogel ist die Weite zwischen zwei Flügeln

 

Vogel sein heißt Beute auf hohen Gipfeln schlagen.

Vogel sein heißt fliegen über reine Gewässer

Vogel sein heißt Regen in den Augen

Vogel sein heißt den Himmel im Herzen haben

 

Vogel sein bedeutet zu wandern

Vogel sein bedeutet, das Nest in die Äste

der Jahreszeiten zu bauen

Vogel sein bedeutet, stets durch Gefahren zu gehen

Vogel sein bedeutet, sich nicht im Käfigen einzuleben

Vogel sein bedeutet, sich seiner Freiheit erfreuen.

Vogel sein bedeutet Gesang

 

Vogel sein heißt, unsichtbare Blütenblätter pflücken

Vogel sein heißt, verbotene Grenzen überfliegen.

Vogel sein heißt, die Brust dem roten

Mal des Unheils bieten.

 

Vogel sein: die Anmut des Siegs im

Zeichen der Freiheit.

 

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

Siavash Kasrai

Geb. 1926 Isfahan/Iran, Lyriker, Schüler von Nima Yushidj (1897 - 1960), der die im Iran verbindlichen höfischen Dichtungsformen sprengte und sich den städtischen Massen zuwandte, studierte Rechtswissenschaft an der Universität Teheran und arbeitete einige Jahre im Wohnbauministerium, danach lehrte er an der Universität von Zahedan. Zu Ruhm gelangte er 1959 mit dem Versepos "Arash Kamangir" ("Arash der Bogenschütze").

Schon unter der Schah-Regierung wurde der politisch engagierte Dichter und linke Aktivist Kasrai wiederholt verhaftet. Als aber unter dem  Chomeini-Regime1980 die große Welle der Verhaftungen von Künstlern und Intellektuellen begann, musste Kasrai fluchtartig das Land verlassen. Er fand in Afghanistan und dann in Moskau Zuflucht. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Wien. Er ist 1996 gestorben und ist am Wiener Zentralfriedhof begraben.