Ein Bus, der zur Hölle führt

Pouran Farrokhzad

 

Gefangen bin ich,
allezeit
ein zum Schweig verurteilter Stern
verborgen hinter den Wolken der Unterdrückung.

Willkommene Beute
für den Appetit der Männer-Geschichte

Tollwütiger Wölfe
Hungrig rasende Raubtiere
ständig
zum Angriff bereit
auf jedes unschuldige Lamm in den Ländern der Welt

So war es bis jetzt
und so wird es sein

Zum ersten Mal wurde ich im Paradies bestraft
als der große Gott schlief
und der Mann war sein Erstgeschöpf
ungenau erschaffen in der  Ekstase
Ich war wach und aufmerksam

In der schwarzen Nacht der Unwissenheit
Erblickte ich den Baum der Erkenntnis
und pflückte den Apfel der Versuchung

Als ich dem Mann die Unsicherheit schenkte
auf dass er sehe und wach werde
wehte ein roter Wind
Herzklopfen bekamen
die Engel im Gleichtakt mit dem Himmel
und der große Gott –
der Empörung nicht liebt –
bestrafte mich für mein Erwachen
und schickte mich auf die Erde ins Exil

Der Mann folgte mir
er kam herab
und wandte sich gegen mich
wegen des Verbrechens der Ungehorsams
machte sich selber
auf der weiten Erde
zum Gott
als ihr absoluter Herrscher
damals wie heute

Gefangen bin ich
allezeit
meine Füße in Ketten
des Mannes Eigentum
und zugleich seine Hälfte

Mein Blut
Meine Zeugenschaft
wird nicht verhandelt
auf dem Divan
Der patriarchalen Gesellschaft des Orients

Die schönste und erregendste Beute bin ich
für die Vergewaltiger
die mich
an Körper und Seele angreifen

Man steinigt mich
hat manchmal
Beischlaf mit mir
in einer schwankenden Sänfte
oder
in einem Ausflugsbus
den sein geiler Lenker
ihn in die Hölle fährt
um meinen verletzten Leib
im Feuer zu verbrennen

Sie verbrannten mich
zu Asche
in einer Ecke des Landes Indien
dem Land der rauen Männer
der Siedlung demokratischer Wölfe

Erst gestern geschah es
dass man die Asche des schönsten Opfers –
das nicht das letzte war –
in die Wasser Nahids* versenkte –
der heiligen Mutter aller Frauen der Welt –
und auch seine Geburtsurkunde streuten sie in den Wind

Immer noch
bleibt sie im Gedächtnis der ewigen Mutter
lebendig, unsterblich
und ihr Schrei steigt auf
durch  jeder Körperzelle der Frauen dieser Welt
Wir hören ihn

Wir wissen
die Zeit der Freiheit wird kommen,
Die gewalttätigen Wölfe
werden in die Wälder flüchten
und die Frauen, ihre Beute
werden die Fahne der Freiheit hissen
überall auf der Welt

Iran, Jänner 2013

Deutsche Übersetzung von Nahid Bagheri-Goldschmied

*Nahid: Name einer altpersichen Göttin der Liebe, Fruchtbarkeit und des Wassers

 

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