Am Beethovengang

Nahid Bagheri-Goldschmied

Weingärten rechts und links
zahlreich und vor der Reife die Weinstöcke
Dazwischen der Duft der Erinnerung

Wie mein Schatten hinter mir: Beethoven
Er rennt dahin٫ ohne den emsigen Takt
meiner Schritte zu hören

Der Wind küsst dem Meister die Hände
fordert ihn auf٫ ein paar unruhige Töne
auf den Saiten meiner Haare zu spielen:
Meine Schicksalsmelodie

Glatt wie eine Wasserfläche die Stadt vor mir
Glatt die graue Wolkendecke über meinem Kopf
Unter meinen Füßen der weiche Weg
die freundlich gastliche Erde

Zum Luftholen stehen bleiben

Der Schatten verharrt mit mir
Den Kopf neigen
٫ Der Schatten ebenso

Wir küssten den Boden, betasteten sanft die Erde
fassten eine Handvoll
٫ rochen daran:
Sie duftet nach einem Regen
Ich fragte mich:
Riecht die Erde nicht wie in einem Gefängnishof?
Spielt der Wind schon die „Leonoren- Ouvertüre“?

Der Schatten hört mich doch nicht
aber auch er hatte die Erde geküsst٫ wie
zu meiner Bestätigung
Zärtlich zupfte der Wind an meinem Haar
es schien
٫ als würde Beethoven
die Melodie meines Schicksals schon wieder
ganz anders komponieren

Wien 1997

 

 

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